Mit Schlägel und Eisen – Crimmitschau’s Bergbau – und Eisenbahngeschichte

Crimmitschau – Stadt an der Pleiße – ehemalige Hochburg der Textilindustrie. So oder so ähnlich lauten häufig die ersten Worte, wenn über die bewegte Geschichte der Industriestadt berichtet wird. Dass die Stadt nahezu vollständig der textilen Branche unterlegen war, wurde zur politischen Wende deutlich, als schlagartig Strukturen wegbrachen und 90% der Einwohner ihren Job aufgeben mussten. Industrielle Nebenzweige wie der Maschinenbau, die Stoffveredelung sowie der Einzel- und weltweite Handel mit hochwertigen Bekleidungsstücken waren seit jeher eng miteinander verknüpft. Somit stand nahezu jeder Einwohner der Stadt mit Lohn und Brot in der Textilindustrie.

„Enorm große Fördermengen von 750.000 t pro Jahr hätten den kleinen Standort Crimmitschau zum Dolomit-Lieferanten für die gesamte DDR-Stahlindustrie aufsteigen lassen.“

Heute ist das Bewusstsein über das industrielle Erbe der Stadt in den meisten Köpfen verankert. Das Erleben von Industriekultur bewahrt traditionelle Werte und den Stolz über das Erreichte der Vorfahren. Dass ein weiterer Wirtschaftszweig die Stadt maßgeblich beeinflusste und diesem später sogar eine enorme Bedeutung für die gesamte DDR nachgesagt wurde, bleibt häufig unerwähnt. Gemeint ist hier der Bergbau, welcher die gesamte Hometown Region fest im Griff hatte und auch die Stadt Crimmitschau tangierte.

Dampfplfug der Firma A. Heuke mit Baujahr 1921
Dampflokomobile aus Gatersleben (S.-Anh.) stellvertretend für den historischen Maschinenbau in Crimmitschau

Bergbau in Crimmitschau? – fragt sich der ein oder andere nun – wohl zurecht. Neben den bekannten großen Abbaugebieten in Leipzig-Altenburg (Braunkohle), im Zwickauer Revier (Steinkohle) und in Ostthüringen/Erzgebirge (Erze) gab es aber auch in Crimmitschau ein signifikantes Abbaugebiet. Die Gewinnung von Dolomit Gestein stand hier für gut 150 Jahre hoch im Kurs und gab den dort lebenden Menschen Arbeit und die Möglichkeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. (Mehr dazu im weiteren Verlauf des Textes.)

Wir befinden uns in der Zeit um die Mitte des 20. Jahrhunderts, der Bahnhof der Stadt hat längst seine Auslastungsgrenze erreicht und bildete das quirlige Versorgungszentrum der Stadt. Hier, wo Reisende aus Richtung Leipzig und Nürnberg einfuhren und zu Fuß die Stadt enterten, hatten auch knatternde Omnibusse ihre Anlaufstelle. Während im Hauptpostamt nebenan Briefe und Pakete den Empfänger wechselten und noch Kisten sortiert worden, trafen auch schon neue Waggons im angegliederten Güterbahnhof ein. Meist von schnaufenden Dampf- und rauchenden Dieselloks gezogen, fuhren die hunderte Meter langen Züge über die knarzenden Holzschwellen an die Laderampen heran, wo das Bahnpersonal schon wartete.

Güterbahnhof am Zöffelpark mit Dolomit AbbaugebietGüterbahnhof am Zöffelpark mit Dolomit Abbaugebiet
Ehemalige Gleisanlage des Güter-Bahnhofes von Crimmitschau zu seiner Blütezeit und das Bahnhofsgelände heute im Vergleich. (Quellen: Google Maps / Bahnhofsplanbuch der Rbd Dresden)

Im großzügig angelegten und über die Jahre immer wieder erweiterten Areal standen die Weichen niemals still. Zu oft mussten täglich ein – und ausfahrende Züge koordiniert werden. Neben der Personenbeförderung standen auch jene Güter auf der Liste, die in Crimmitschau die Fabriken verließen, um in die weite Welt transportiert zu werden. Das waren meist jegliche Arten von Textilen, aber auch in Einzelteile zerlegte Großmaschinen aus den angrenzenden Betrieben. Wie zu dieser Zeit üblich war, hatten einige Firmen in der Stadt einen direkten Gleisanschluss. Zu den Betrieben, welche unmittelbar in Bahnhofnähe ansässig waren, zählten die Crimmitschauer Maschinenfabrik, die Textil-Fabrik von Emil O. Zöffel und der Apparate- und Kompensatorenbau. Jenen Fabrikbesitzern war es vergönnt, ihre Waren zum schnellen Abtransport bereitzustellen. Eine weitere Ladestation befand sich im Ortsteil Wahlen, wovon ausgehend die ehemalige Industriebahn nach Schweinsburg (Neukirchen) bedient wurde.

Das eindrucksvolle Zöffelche Fabrikgebäude an der Hainstraße thront auch heute noch weithin sichtbar am Fuße des gleichnamigen Parks im Osten von Crimmitschau. Jener, auf gut 300m über NHN ansteigende, bewaldete Hang, am rechten Ufer der Pleiße ist es auch, der zu DDR Zeiten zum Bergbauschutzgebiet erklärt wurde, um Zugang zu den reichen Bodenschätzen zu sichern. Hier wurde schon im Jahr 1800 Dolomit-Gestein abgebaut, das eine hohe Güte aufwies und nach und nach Begehren bei umliegenden Unternehmen auslöste.

VEB Ziegelkombinat Karl-Marx-Stadt
Ehemalige Ziegeleigebäude mit Schornstein am Ortseingang

Auf der Suche nach neuen Erschließungsmöglichkeiten entdeckten die Besitzer der Königin-Marien-Hütte in Cainsdorf (heute Zwickau) im Crimmitschauer Ortsteil Wahlen große Dolomit-Vorkommen und beanspruchten diese für sich (1890). Das spröde Kalk-Gestein wurde zum Beheizen der zahlreichen Hochöfen genutzt und war für die Stahlerzeugung unerlässlich. So konnte die Hütte ihren enormen Bedarf decken und avancierte zu einem der größten Produzenten des Deutschen Reiches in Sachen Stahlkonstruktionen für Brücken, Türme und Eisenbahn. So sind etwa die Paradiesbrücke über die Mulde, das Blaue Wunder in Dresden und das Chemnitzer Eisenbahn Viadukt Zwickauer Ursprungs.

Nach Schließung der Königin-Marien-Hütte und des späteren König-Albert-Stahlwerkes in Zwickau verlor das Abbaugebiet in Crimmitschau zunächst massiv an Bedeutung. Erst Anfang der 1970er Jahre wurden weitere Abbaupläne in der DDR verfolgt. Auch dieses Mal wurde der Standort am Bahnhof für vorteilhaft und Gesteinsproben als ausgezeichnet befunden, sodass die Förderung wieder aufgenommen und fortan gesteigert wurde. Durch neuerliche Untersuchungen ging man davon aus, dass die gesamte Lagerstätte ein Volumen von 16,8 Mio t aufweise. Enorm große Fördermengen von 750.000 t pro Jahr hätten den kleinen Standort Crimmitschau zum Dolomit-Lieferanten für die gesamte DDR-Stahlindustrie aufsteigen lassen. Letze Prüfungen bestätigten aber dann doch Unwirtschaftlichkeit, wodurch das Vorhaben stagnierte und das endgültige Aus für den Standort besiegelte wurde.

Fabrikgebäude Spengler & Fürst im Hintergrund Zöffelpark
Wie eine grüne Lawine sucht sich der Baumwuchs seinen Weg hinunter ins Pleißetal

Ein Neben- ja quasi Abfallprodukt bei der Gewinnung von Dolomit-Gestein waren enorme Mengen lehmhaltiger Böden. In Folge dessen entstanden zahlreiche Ziegelei-Betriebe oberhalb des Bahnhofgeländes. Groß angelegte Gruben lieferten zudem eine konstante Ausbringungsrate. Gut ein Dutzend Loks brachten das Material über angelegte Feldbahnen aus den Gruben zu den Brennöfen und übernahmen auch den innerbetrieblichen Transport im Gelände. Der größte Betriebsteil überdauerte im VEB Ziegelkombinat Karl-Marx-Stadt bis zur politischen Wende, dessen Fabrikgebäude heute noch in ihren Grundfesten existieren.

Gegenwärtig erinnert nicht mehr viel an die damaligen Verhältnisse. Dem Bergbaugelände wurden längst neue Nutzungsmöglicheiten zugeteilt. So wird das ehemalige Dolomit Abbaugebiet am Zöffelpark land- und forstwirtschaftlich genutzt und bietet MTB Sportlern schnelle Passagen auf unterschiedlichen Trails, aber auch Erholungsuchenden ein Kleinod der Entspannung. Noch bestehende Gebäude blieben als Zeugnisse der alten Zeit erhalten. Über das Bahnhofgelände führen lediglich noch die beiden Hauptadern zwischen Leipzig und Hof – alle übrigen Gleise und Bahnsteige wurden zurückgebaut. Charakteristische, ehemalige Laderampen mit Schiebetüren und Flachdächern haben überdauert und sind zumindest noch Zeitzeugen des ehemaligen Güterbahnhofs.

Bahnhof Crimmitschau mit Empfangsgebäude der Deutschen Bahn
Restauriertes Empfangsgebäude am Bahnhof

Seit geraumer Zeit führt über das Areal die Ortsumgehungsstrasse von Crimmitschau, welche aufgrund des gestiegenen Speditions- und Individualverkehrs notwendig wurde. Hier drängeln sich täglich dicht an dicht Pendler und Versorger über den Ostflügel des Geländes. In Anbetracht dessen werden nicht nur Eisenbahnfreunde den traditionellen Güterverkehr auf der Schiene vermissen. Zukünftig wird wohl ein weiterer Parkplatz das triste Erscheinungsbild aufwerten, um Gästen das Abstellen verschiedenster Fahrzeuge zu ermöglichen.

Insgesamt profitiert die Region um Crimmitschau auch heute noch von der vorhandenen Zuganbindung. Der Anschluss an größere Städte wie Zwickau und Leipzig ist somit gegeben und lockt Tagesgäste in die beschauliche Sport- und Kulturstadt. Der stetig wachsende Fahrradtourismus wird der Stadt zukünftig ebenso zugute kommen. Der Bahnhof bietet dazu einen optimalen Ausgangsort die hometowntrails von Crimmitschau zu erkunden. Dafür stehen schon heute 3 attraktive Routen zur Verfügung.

Ride on!

hometowntrails®

Quellen:

Q1: Unbekannter-Bergbau.de (allgemeine Informationen und Daten)

Q2: Sachsenschiene.de (Gleisplan von Crimmitschau)

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